Unter vergib uns unsere Schuld

Ich persönlich liebe es, wenn wir als Gemeinde gemeinsam das „Vater unser“ beten. Im ganzen Gebet gibt es kein „Ich“, „Mir“, oder „Mein“ – sondern nur „Wir“, „Uns“ und „Unser“. Wir treten in unserer Identität als Familie, als Brüder und Schwestern gemeinsam in Einheit vor „unseren Vater“.
Nichtsdestotrotz gab es immer wieder eine Bitte in diesem Gebet, die mir nicht leicht über die Lippen ging (um ehrlich zu sein, bin ich dabei des Öfteren sogar richtig zusammengezuckt). Im Matthäusevangelium Kapitel 6 Vers 12 heißt es: „Und vergib uns unsere Schuld, wie wir unseren Schuldnern vergeben haben.“
Mein stiller, unausgesprochener Gedanke: „Oh nein, komme ich etwa in die Hölle, wenn ich jemandem nicht verziehen habe?“ Die Gefühle dabei waren in etwa: Angst, Selbstzweifel, Ungewissheit.
Wieso hat Jesus uns diesen Satz genauso als Gebet vorgegeben? Die Antwort lautet: Diese Bitte erinnert uns an das Evangelium und an die daraus resultierenden Früchte.

Das Evangelium – Vergebung allein aus Gnade
Zunächst müssen wir festhalten, was nicht im Text steht. Es heißt nicht: „Und vergib uns unsere Schuld, weil wir unseren Schuldnern vergeben haben.“ Es heißt „…wie wir unseren Schuldnern vergeben haben“. Mit anderen Worten. Jesus schließt hier keinen Deal mit seinen Kindern ab nach dem Motto: „Wenn ihr vergebt, dann wird euch auch vergeben.“ Jesus macht in der Bergpredigt klar, dass dieses Gebet für diejenigen ist, die bereits Kinder des Vaters im Himmel sind (Mt 6,6.8.9). Das Wunder der Versöhnung ist bereits geschehen durch Gottes alleinige Initiative durch den Tod seines einzigen geliebten, unschuldigen Sohnes. „Und vergib uns unsere Schuld“ ist die liebevolle, gnädige Einladung an die Kinder Gottes, sich immer wieder bei ihrem Vater von aller Schuld reinigen zu lassen. Es ist auch die Erinnerung, dass diese Bitte in unserem Alltag notwendig ist, denn „wir alle lassen uns ja oft und in vieler Hinsicht etwas zuschulden kommen“ (Jak 3,2). Die Tatsache, dass wir einfach nur diese Bitte im Glauben vor unserem Vater aussprechen und er uns vergibt, sollte uns dankbar machen.
Aber die Bitte erinnert uns auch an das neue Leben in Christus, sowohl als Ermutigung, als auch als Warnung.

Die Frucht des Evangeliums – Ein neues Herz, das vergibt
Jesus sagte direkt im Anschluss an dieses Gebet nochmal glasklar: „wenn ihr aber den Menschen… nicht vergebt, wird euer Vater auch eure Vergehungen nicht vergeben.“ (Mt 6,15). Die Bitte von Jesus soll uns immer, wenn wir dieses Gebet beten, an folgende Tatsache erinnern: Wem seine Schuld von Gott vergeben ist, der sieht sich selbst nicht mehr als Richter für seine Mitmenschen, sondern als ewiger Schuldner vor Gott.
Wer sich in seinem Herzen fragt: „Bin ich wirklich ein Kind Gottes? Habe ich Frieden mit Gott für Zeit und Ewigkeit?“ Die gute Nachricht ist: Die Antwort ist nicht verborgen, sondern sichtbar, für uns selbst und die Menschen um uns herum. Wenn wir anderen Menschen ihre Schuld, bzw. ihre Fehler an uns einfach bedingungslos vergeben, dann zeigen wir damit mindestens zwei Dinge. Erstens, wir haben ein Bewusstsein dafür, dass die Fehler anderer gegen uns gering sind im Vergleich zu unserer Schuld gegen einen drei Mal heiligen Gott. Zweitens, wir zeigen durch unsere Vergebung, dass wir tatsächlich an als den gerechten Richter glauben, der für uns kämpft und letztlich jedem Menschen das geben wird, was ihm rechtmäßig zusteht.

Lasst uns unser Herz anhand dieser Bitte prüfen. Lasst uns unser Herz anhand dieser Bitte ermutigen. Lasst uns die Gnade der Vergebung und des neuen Herzens in uns, das vergeben kann, anbetend feiern.

Euer Peter Krell

2019-03-20T10:18:26+00:001. Mai 2018|