Oder: 4 Praxis-Schritte, um schwierige Bibelstellen zu deuten

Die Frage der Kopfbedeckung von Frauen im Gottesdienst ist für viele Christen ein heikles Thema, da die Textstelle in 1. Korinther 11,3-16 nicht eindeutig klar zu sein scheint. Das führt uns zu einer für unser Bibelstudium grundlegend wichtigen Frage, die wir an diesem Beispiel erörtern wollen, nämlich:

Wie gehen wir bei Bibelstellen vor, die schwer zu verstehen sind?

Natürlich kann sich jeder Christ heute im Zeitalter von Youtube und der Globalisierung einen Bibellehrer finden, der einem genau das erzählt, was man will, nach dem Motto: „Was wäre dir lieber, Kopfbedeckung, oder keine Kopfbedeckung?“ Wir alle stehen in der Gefahr das herauszulesen, was wir wollen und vergessen dabei, dass die Bibel uns nicht nur ermutigen, sondern uns auch konfrontieren und umgestalten möchte. Das ist eine große Gefahr und die Bibel warnt uns davor, dass es eine Zeit geben wird, „da sie die gesunde Lehre nicht ertragen, sondern nach ihren eigenen Wünschen sich selbst Lehrer aufhäufen werden, weil es ihnen in den Ohren kitzelt“ (2Tim 4,3). Wenn wir wirklich Gott gehorsam sein wollen, müssen wir lernen, selbst zu forschen und uns unter das Wort Gottes zu stellen, egal, zu was Gott uns letztendlich auffordert. Hier wäre die praktische Frage: Was wäre, wenn du durch das Studium der Bibel zu dem Schluss kämst, dass Kopfbedeckung ein Gebot Gottes für dich, bzw. für deine Frau wäre? Würdest du danach handeln?

Wie sollen wir nun im Falle einer schwierigen Textstelle vorgehen? Hier ein konkreter Plan:

  1. Nach anderen Textstellen zum gleichen Thema suchen und vergleichen
  2. Gesamtaussage des Abschnitts finden
  3. Problematische Wörter und Aussagen zusammentragen
  4. Alle Gedanken in einer Lösung zusammenfassen

Gehen wir nun Schritt für Schritt vor. Lies am besten zunächst den Abschnitt für dich und versuche für dich, die 4 genannten Schritte umzusetzen.

 1. Wir schauen, ob die Bibel an anderer Stelle über das gleiche Thema spricht und es dort leichter zu verstehen ist. Eine Grundregel der Bibelauslegung ist: Wir erklären schwer verständliche Bibelstellen durch leichter verständliche. Bezüglich der Kopfbedeckung ist dies nicht möglich, da nur 1Kor 11,3-16 davon spricht.

2. Wir versuchen die Gesamtaussage der Textstelle zu verstehen. Anschließend ist es leichter, die Details eines Textes im Lichte der Gesamtaussage zu deuten. Die einleitenden Worte des Abschnitts in 1Kor 11,3-16 sind: „Ich will aber, dass ihr wisst, dass der Christus das Haupt jeden Mannes ist, das Haupt der Frau aber ist der Mann, das Haupt des Christus aber Gott.“ (V. 3) Die Christen in Korinth sollten verstehen, dass Gott in seiner Dreieinigkeit eine harmonische und herrliche Rollenverteilung hat, „Gott ist das Haupt des Christus.“ Genauso hat er auch Mann und Frau unterschiedliche Rollen zugewiesen, die einander wundervoll ergänzen sollen. Wenn Gott selbst als die Perfektion allen Seins in sich eine Rollenverteilung hat, so sollte es uns freuen, dass wir ihm als Menschen darin ähnlich sein dürfen. Hierbei geht es nicht darum, dass eine Rolle wichtiger ist, als die andere, denn Paulus sagt in dem Abschnitt „dennoch ist weder die Frau ohne den Mann noch der Mann ohne die Frau im Herrn. Denn so wie die Frau durch den Mann ist [d.h., ursprünglich aus seiner Rippe gemacht], so ist auch der Mann durch die Frau [d.h., alle Männer wurden von Frauen geboren].“ (vv. 11-12)

3. Wir sammeln die Wörter und Aussagen, die uns Kopfzerbrechen bereiten. Zunächst aber: Cool bleiben! Allein die Tatsache, dass wir weit über 99% der Bibel kristallklar verstehen können und dies trotz der zeitlichen, sprachlichen, geographischen und kulturellen Barriere, ist ein großes Wunder von Gottes Weisheit. Dass es tatsächlich nur ein paar Dutzend Stellen in der Bibel gibt, die schwer zu verstehen scheinen, sollte uns ins Staunen versetzen. Aber zurück zum Text. Was genau bringt uns so ins Grübeln? Hier ein paar Beobachtungen:

  • Wieso wird diese Kopfbedeckung der Frau [und das Nicht-Bedecken des Mannes] an keiner anderen Stelle in der gesamten Heiligen Schrift erwähnt? Natürlich muss eine Stelle nicht erst doppelt und dreifach in der Bibel vorhanden sein, damit sie wichtig ist – jedes Wort der Bibel ist Gottes Wort und somit unendlich gewichtig (2Tim 3,16-17). Dennoch ist es berechtigt die Frage zu stellen, warum wir beispielsweise weder in der Apostelgeschichte, noch in den Briefen des Neuen Testaments irgendetwas davon lesen, während andere Themen überall erscheinen, wie beispielsweise das Evangelium, Gebet, Taufe und andere.
  • Paulus verweist als Begründung auf die Schöpfung. „Lehrt euch nicht die Natur selbst, dass, wenn ein Mann langes Haar hat, es eine Unehre für ihn ist, wenn aber eine Frau langes Haar hat, es eine Ehre für sie ist…?“ (vv. 14-15) Zwei Dinge müssten uns hier stutzig machen: Erstens, dass Paulus auf die Schöpfung verweist, und nicht auf die kulturelle Situation in Korinth. Er sagt nicht: „Lehrt euch nicht eure Kultur in Korinth, dass eine Frau langes Haar und einen Schleier tragen sollte?“ Das lässt uns natürlich fragen: Wenn Paulus auf die Schöpfung verweist, müsste das Gebot doch allgemein für jede Zeit und Kultur gültig sein, oder?
  • Paulus begründet das Gebot durch die Anwesenheit der Engel. „Darum soll die Frau ein Zeichen der Macht auf dem Haupt haben wegen der Engel.“ (V. 10) Zunächst sehen wir hier etwas Erstaunliches: Wenn wir uns als Gemeinde versammeln sind Engel Gottes anwesend. Sie sind anwesend als unsere Diener und Beschützer (Ps 91,11; Heb 1,14), aber scheinbar auch deshalb, um über Gottes Ordnungen zu wachen (Off 2,1; 2,8; 2,12). Unsere Frage lautet nun: Ist dies ein weiterer Hinweis dafür, dass es sich um mehr, als nur eine kulturelle Angelegenheit handelt?

4. Wir verbinden die gesammelten Gedanken zur Lösung und Anwendung. Von allem, was wir zusammengetragen haben, können wir auf folgende Schlussfolgerungen kommen:

  1. Obwohl wir im Neuen Testament viele Aussagen über die Rollenverteilung von Mann und Frau haben (siehe Gal 3,28; Eph 5,22-33; Kol 3,18-19), wird nur im 1. Korintherbrief die Kopfbedeckung erwähnt. Wir fragen uns, warum?
  2. Obwohl an anderer Stelle langes Haar bei Männern etwas Gutes war, verurteilt Paulus dies in der Gemeinde von Korinth. Das ist ein Hinweis darauf, dass es vielleicht nicht um ein zeitloses Gebot für alle Christen geht.
  3. Da Paulus auf die Schöpfungsordnung verweist mit den Worten „lehrt euch nicht die Natur selbst …?“, stellen wir uns natürlich die Frage: Wo bitte lehrt die Schöpfung, bzw. der Schöpfungsbericht uns etwas über Haarlängen und Kopfbedeckungen? Danach können wir nur vergeblich suchen. Ja sogar an keiner Stelle der Bibel finden wir davon etwas. Hier ist der entscheidende Punkt: Die Schöpfung lehrt uns, dass Mann und Frau unterschiedlich und einander ergänzend von Gott geschaffen sind, jedoch nichts über Kopfbedeckungen.
  4. Die Aussage von Paulus macht also nur folgendermaßen Sinn: Es gab im gesellschaftlichen Leben in Korinth (dies ist uns durch geschichtliche Quellen zuverlässig belegt) sichtbare Ausdrücke von Männlich- und Weiblichkeit. Dies beinhaltete bei Frauen langes Haar, eine Kopfbedeckung und bei  Männern kurzes Haar. Der Text macht offensichtlich, dass die Korinther mit Kopfbedeckungen aus ihrem Alltag vertraut waren, sonst würde die folgende Frage keinen Sinn ergeben: „Urteilt bei euch selbst: Ist es anständig, dass eine Frau unbedeckt zu Gott betet?“ Paulus war sich also sicher die Korinther würden einsehen, dass eine Frau ohne Kopfbedeckung damals ausdrückte, dass sie ihre weibliche Rolle ablehnte. Die Gemeinde in Korinth hatte also folgendes getan: Obwohl es in ihrer Gesellschaft sichtbare Merkmale für die Unterschiedlichkeit von Mann und Frau gab, welche Gottes gute Ordnung sichtbar machten, traten die Christen nun so in Korinth auf, als gäbe es diese Unterschiedlichkeit nicht mehr. Mit dieser Löschung der Unterschiedlichkeit zwischen Mann und Frau hatten sie ein falsches Bild auf ihre Rolle und auf Gott selbst geworfen, der in sich selbst die wundervollste Einheit und Harmonie durch gegenseitige Liebe und Unterordnung besitzt. Somit wird für uns klar: In der Textstelle geht es darum, wie die Korinther in ihrer Kultur Gottes gute Ordnung erkennbar ausleben konnten. Für uns heute heißt das: Wir sollen als Gemeinde Gottes herrliche Ordnung sichtbar und verständlich ausleben, sodass die Gemeinde, die anwesenden Besucher sowie die Engel in unserem Auftreten und Verhalten die wunderbare Rollenverteilung Gottes erkennen, die er uns geschenkt hat.

Durch folgende Fragen können wir diesen Text nun auf unser Leben anwenden:

  1. Liebe ich und nehme ich die Rolle gerne an, die Gott mir als Mann oder Frau, als Leiter oder Gehilfin, gegeben hat?
  2. Wie kann meine Rolle in meiner kulturellen Situation sichtbar werden, sodass ich ein Hinweis auf die Schönheit und Weisheit Gottes bin?
  3. Inwiefern bin ich durch mein kulturelles Umfeld eher versucht, die Unterschiedlichkeit von Mann und Frau auszulöschen? Worauf sollte ich achten?
  4. Was werde durch die gewonnene Erkenntnis konkret an meinem Leben ändern?